Freitag, 23. August 2013

"Ich hoffe, die Gerechtigkeit wird siegen"

Hannes Kartnig wartet auf seinen Berufungsprozess. Wie geht es ihm eigentlich?

"Falter" Nr. 39 / 2012 vom 26.09.2012 Seite: 53
Ressort: steiermark

Erkundung: Christoph Heshmatpour



Er ist kein Mensch, der sich durch besondere Tiefstapelei auszeichnet. Der Falter trifft Hannes Kartnig - oder besser gesagt: Kartnig gewährt Audienz - an einem sonnigen Septembernachmittag auf der Terrasse des Grand Hotels an der Wiener Ringstraße, eine der besten Adressen der Stadt. In der Lobby hängen prächtig funkelnde Luster, die Kellner tragen Fliege und servieren diskret. Kartnigs unablässig bimmelndes Smartphone steckt in einer goldfarbenen Hülle. Als der ehemalige Justizminister Dieter Böhmdorfer, auch als einstiger Haus- und Hofanwalt Jörg Haiders bekannt, einige Tische weiter Platz nimmt, begrüßen die beiden einander herzlich mit "der beste Justizminister“ und "der beste Präsident“. "Der Böhmdorfer, weißt eh noch, oder?“, raunt Kartnig. "Ich kenn sie alle.“

Und alle kennen ihn. Hannes Kartnig, 60, ist ein korpulenter Mann mit Fünftagebart und gegelter Strizzifrisur. Früher einmal war er Präsident des Fußballvereins Sturm Graz. Der Club gewann unter Kartnig 1998 als erster steirischer Verein überhaupt die österreichische Meisterschaft. Dreimal nahm Sturm an der Gruppenphase der europäischen Superliga Champions League teil, wurde einmal sogar Gruppensieger. Sturm Graz war plötzlich ein europaweit bekannter Fußballverein, Präsident Kartnig in Österreich weltberühmt. Der Club machte Millionen, doch die waren bald wieder weg. Hannes Kartnig, der wegen seines extrovertierten und schrillen Auftretens "Sonnenkönig“ genannt wurde, geriet in Erklärungsnotstand.

Jemand musste Hannes K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. Ungefähr so muss sich Kartnig gefühlt haben, als er im Mai 2007 plötzlich in Untersuchungshaft saß. Abgabenhinterziehung, Veruntreuung und Untreue sowie betrügerische Krida und grob fahrlässige Beeinträchtigung von Gläubigerinteressen wurden ihm vorgeworfen, in Sachen Steuerhinterziehung zeigte er sich geständig. Schließlich wurde Kartnig im vergangenen Februar in erster Instanz zu fünf Jahren unbedingter Haft und einer Geldstrafe von mehr als 6,5 Millionen Euro verurteilt, das Verfahren geht in Berufung. "Eins sag ich gleich, über die Strafe rede ich nicht“, sagt er. Dafür redet Kartnig umso lieber über Fußball. Dann hellt sich sein rundes Gesicht mit einem fast kindlichen Lächeln auf, er kneift die Augen zusammen, als müsse er Lachtränen zurückhalten. Sogar auf den Cayman Islands, das habe er dort erfahren, sei Sturm Graz ein Begriff gewesen, und überhaupt: "Die Spieler haben gut gelebt, die Journalisten haben gut gelebt, die Wirtschaft hat gut gelebt. Es gab ja genug Aufträge. Alle haben wir’s gut gehabt.“

Leute, die beim elf Monate dauernden Prozess im Grazer Straflandesgericht dabei waren, wissen zu erzählen, dass Kartnig auch im Gerichtssaal der Schmäh nie verlassen hat. Mit seinen Geschichtchen und Anekdoten brachte er das Publikum immer wieder zum Lachen. Erst am letzten Tag habe ihm gedämmert, dass das alles kein Spaß ist. Die Steuervergehen hatte er als nicht so schlimm erachtet, immerhin habe Sturm ja trotzdem genug Abgaben gezahlt. Und für unangreifbar hat er sich gehalten, weil er in Wien und Graz mächtige Freunde hatte. Doch die vielen Menschen, die einst seine Nähe gesucht hatten, als er noch der Sonnenkönig war, wollen heute nichts mehr von ihm wissen. Zumindest offiziell.

So bestritt der als Zeuge geladene Milliardär Frank Stronach, immerhin Kartnigs Trauzeuge, während des Prozesses, dass die beiden Freunde seien. Doch ein paar "Freunde“ dürften ihm schon geblieben sein, vor zwei Wochen war Kartnig beim Fußball-Länderspiel gegen Deutschland immerhin im VIP-Club geladen. Dennoch brummt er: "Zuerst wissen sie gar nicht, wie hoch sie dich tragen sollen, und dann kehren sie dir den Rücken zu.“ Das sonst an diesem Septembernachmittag so zufriedene Gesicht verdunkelt sich erstmals, Kartnig beteuert, dass er sich persönlich niemals bereichert hat.

Zu den Spielen von Sturm Graz geht Kartnig nicht mehr, aus seiner Ablehnung der aktuellen Vereinsführung macht er kein Geheimnis. Präsident Christian Jauk bezeichnet er als "Gehaltsempfänger“, der nicht einmal "ein Milliönchen“ in den Verein stecken könne. Allerdings backe er selbst mit seiner Plakatwerbefirma heute auch nur mehr "kleine Brötchen“.

Was von der Zeit mit Sturm Graz bleibt? "Nur super Erinnerungen“. Da ist es wieder, das große Kind, das einfach eine Riesengaudi hatte. "Millionen Menschen haben eine Freude gehabt“, sagt er. Und der Prozess, die Verurteilung? "Das ist in Berufung, dann schauen wir weiter“, winkt Kartnig ab. Dann sagt er etwas, das man nicht für möglich gehalten hätte: "Ich hoffe, die Gerechtigkeit wird siegen.“ F

Freitag, 5. April 2013

Der heilige Schein

In: Falter 40/2012, S. 15
Ressort: Politik



Ein neues Buch enthüllt, wer das kirchliche Wirken wirklich finanziert

Christoph Baumgarten war über die offizielle Reaktion dann doch überrascht. "Ich hätte nicht gedacht, dass die römisch-katholische Kirche Werbung für unser Buch macht“, sagt er mit einem recht zufriedenen Gesichtsausdruck. Vor einigen Tagen ist es erschienen, unter dem Titel "Gottes Werk und unser Beitrag“ beschäftigen sich Baumgarten und der deutsche Autor Carsten Frerk mit der Finanzierung der katholischen Kirche in Österreich. Das Ergebnis: "80 Prozent des kirchlichen Apparats“, sagt Baumgarten, seien öffentlich finanziert. Eine Feststellung, die die Bischofskonferenz dazu veranlasste, am Wochenende vor der Präsentation des Buchs eine Homepage online zu stellen, die diese Aussage widerlegen soll. "PR-technisch hat uns das wohl einfach nur mehr Aufmerksamkeit gebracht“, meint Baumgarten.

3,8 Milliarden Steuergeld
Die "Finanzgebarung der katholischen Kirche“ wurde nun also öffentlich gemacht. Zum überwiegenden Teil finanziere sie sich durch den Kirchenbeitrag, sagt die Kirche selbst. "Ich verstehe die Diskussion ehrlich gesagt nicht“, meint Josef Weiss, Finanzdirektor der Erzdiözese Wien. 105.175.802,72 Euro betrugen die offiziellen Einnahmen der Erzdiözese Wien im Jahr 2011, mehr als 92 Millionen davon entfallen auf den Kirchenbeitrag. "Staatsleistungen“ scheinen in dieser Aufstellung nur als durch den Staatsvertrag geregelte Entschädigungszahlungen für im Nationalsozialismus enteignete Güter auf.

Baumgarten und Frerk kommen zu dem Schluss, dass 3,8 Milliarden Euro jährlich aus öffentlichen Geldtöpfen in katholische Institutionen fließen. Christoph Baumgarten bezeichnet diese Summe als "Untergrenze“, die Geldflüsse aus unzähligen Budgets seien unübersichtlich, wahrscheinlich hätten die Autoren noch nicht alles entdeckt.

Wieso divergieren die Aussagen so deutlich? Ein Grundproblem ist, dass man das Wort "kirchlich“ sehr unterschiedlich auslegen kann. Rechtlich gesehen besteht die römisch-katholische Kirche in Österreich aus tausenden Körperschaften, jedes Kloster ist so etwas wie eine unabhängige Firma. Der Kirchenbeitrag geht auf ein Konto der Erzdiözese, die das Geld etwa zur Hälfte an die Pfarren verteilt, der Rest wird für Diözesanes aufgewandt. "So etwas wie einen Finanzausgleich mit den Klöstern gibt es nicht“, sagt Josef Weiss.

Doch zeigen die wenigen veröffentlichten Zahlen nicht, über welche Geldmittel die Kirche tatsächlich verfügt. "Dem die Überschrift ‚Finanzgebarung der katholischen Kirche‘ zu geben, ist eine so vorsätzliche Irreführung, dass man es auch als Lüge bezeichnen kann“, schreibt der Theologe und ehemalige Kommunikationsdirektor der Erzdiözese Wien, Wolfgang Bergmann, in einem offenen Brief über die Finanzgebarungs-Homepage. Er vergleicht die veröffentlichten Zahlen mit dem Versuch, die Budgets der neun Landesregierungen zu addieren und als Staatsvermögen auszugeben, ohne Bund, Gemeinden oder staatliche Betriebe in die Rechnung miteinzubeziehen.

Skandal? Darum geht´s nicht
"Es geht dabei gar nicht darum, dass das Finanzgebaren der Kirche ein Skandal oder illegal wäre“, sagt Christoph Baumgarten. "Aber die Kirche heftet sich soziales Engagement für die Allgemeinheit ans Revers und bezieht einen Imagegewinn aus Leistungen, die eigentlich staatlich finanziert sind.“ So ist etwa die soziale Hilfsorganisation Caritas zum überwiegenden Teil von öffentlichen Geldern abhängig, auch das Lehrpersonal an katholischen Privatschulen und den katholisch-theologischen Fakultäten der österreichischen Universitäten wird vom Staat bezahlt. An Ordensspitäler fließen 1,8 Milliarden Euro öffentlicher Mittel. "Die Kirche erbringt Leistungen für die Allgemeinheit, die dem Staat Geld ersparen, weil er sie sonst selbst erbringen müsste“, hält dem Paul Wuthe, Leiter des Medienreferats der Bischofskonferenz, entgegen. Er kritisiert nicht die recherchierten Zahlen der Autoren, jedoch die "einseitige Darstellung“ der Kirchenfinanzen. "Man hätte genauso gut das Buch schreiben können ‚So viel erspart die Kirche dem Staat‘.“ Schließlich bleibt, dass die Kirche ihr soziales Engagement nur mithilfe der öffentlichen Hand bewältigen kann. Ob das gut oder schlecht ist, hängt von der Sichtweise ab.



Carsten Frerk, Christoph Baumgarten: Gottes Werk und unser Beitrag - Kirchenfinanzierung in Österreich. Czernin, 284 S., € 24,90

Website des Buchs: kirchenfinanzierung.at

Katholischer Konter: kirchenfinanzierung.katholisch.at

Mittwoch, 6. Februar 2013

Der Plan des Tormanns vorm Elfmeter

Selbst wichtige Matches sollen manipuliert worden sein, sagen Experten. Was steckt hinter dem Wettskandal?

Recherche: Christoph Heshmatpour, Daniel Nutz

Das Geschäft läuft gut“, sagt der Mann hinter der Kassa. Von der Meldung, wonach Fußballspiele von einer „Wettmafia“ in zahlreichen Ländern manipuliert worden sein sollen, lässt sich die Kundschaft eines großen Wettcafés in Kagran nicht aus der Fassung bringen. Auf 30 Bildschirmen laufen gleichzeitig Übertragungen von unterschiedlichen Sportereignissen. Robuste Männer mit fahlen Gesichtern versuchen, sowohl Fernsehbilder als auch die Quoten für die anstehenden Wetten im Auge zu behalten. Gesprochen wird hier kaum. Gewettet auf fast alle Sportarten – 24 Stunden täglich, sieben Tage die Woche.

Am beliebtesten sind Wetten auf Fußball, wo drei Viertel aller Einsätze platziert werden. 3,8 Milliarden Euro setzt die Sportwetten-Branche heuer in Österreich um. Die Onlineanbieter befinden sich dabei im Vormarsch. Und in den vergangenen Jahren drängten auch immer mehr Unternehmen aus Asien auf den Markt.

Herr K. verschickt die Ergebnisse

In einem Stadion im Süden Wiens sitzt Herr K. Über eine spezielle Handysoftware notiert er Tore, Ausschlüsse und andere Besonderheiten und schickt sie laufend an seinen Auftraggeber, die Grazer Firma Runningball, weiter. „Die 50 Euro pro Partie sind relativ leicht verdientes Geld“, sagt er.

Runningball verkauft die Daten an Wettanbieter aus aller Welt weiter. Ins Blickfeld geriet das Unternehmen, als die Grazer Staatsanwaltschaft vergangene Woche in die Büroräumlichkeiten zur Hausdurchsuchung anrückte. Die Geschäftsführung beteuert, mit dem Wettskandal nichts zu tun haben.

Nachdem heutzutage auf bereits laufende Spiele noch diverse Wetten abgegeben werden können, spielt der Faktor Informationsübermittlung für die Buchmacher eine entscheidende Rolle. „Wenn ein Kunde die Information über ein Tor oder eine Rote Karte vor mir hat, macht er todsicher einen Wettgewinn“, erklärt Werner Reinwald, Buchmacher beim Online-Wettanbieter Interwetten.com. Wird zum Beispiel ein Kicker ausgeschlossen, könnten Zocker schnell auf eine Rote Karte setzen, bevor der Buchmacher von dem Ereignis erfährt.

Reinwalds Unternehmen bietet daher nur Livewetten zu Events an, bei denen es auch Fernsehbilder gibt. Gibt es zu einem Ereignis keine TV-Bilder, kommen Leute wie Herr K. ins Spiel. Dienstleister wie Runningball versorgen die Buchmacher mit den nötigen Informationen, damit diese eine Wette anbieten können. Dass der eine oder andere Kunde manchmal schneller zu Informationen kommt und diese in einen Wettgewinn ummünzt, haben die Buchmacher dabei einkalkuliert.

Ein unkalkulierbares Risiko stellen freilich Spielmanipulationen dar, wie sie seit vergangener Woche wieder einmal im Raum stehen. Bei mehr als 200 Spielen in ganz Europa sollen Spieler und Schiedsrichter bestochen und überWetten auf die manipulierten Spiele beträchtliche Gewinne eingefahren worden sein.

Die Empörung ist stets groß, doch tatsächlich sind Wettbetrug und Spielmanipulationen eine Konstante des Fußballgeschäfts. Die Skandale wie jene um den deutschen Schiedsrichter Robert Hoyzer und den italienischen Fußballmanager Luciano Moggi sind die prominentesten Fälle der vergangenen Jahre. Und es ist gar nicht so lange her, dass auch in Österreich schwere Anschuldigungen gegen Akteure eines der größten Fußballclubs des Landes erhoben wurden.

Es war im Frühling 2006. Der steirische Polizist Josef Klamminger ruft unter dem Titel „Großer Wettbetrug überschattet SK Sturm“ kurzfristig zu einer großen Pressekonferenz. Vor versammelten Medien bezichtigt er Trainer Michael Petrovic und den versierten serbischen Spielmacher Bojan Filipovic, zwei Ligaspiele von Sturm Graz an Spielmanipulatoren verkauft zu haben. Allerdings hat Sturm keine der beiden Partien verloren, Filipovic schoss sogar ein Tor.

Der Skandal kommt nach Österreich

Klamminger beruft sich auf Hinweise aus Deutschland, die aus den Ermittlungen rund um den Fall Robert Hoyzer stammen. Dieser wurde wegen Beihilfe zum Betrug zu einer zweieinhalbjährigen Haftstrafe verurteilt, sonst aber wird nach umfangreichen Ermittlungen kaum jemand belangt.

Auch in Graz wird jahrelang ermittelt, das Verfahren verläuft jedoch im Sand, heuer wurde es eingestellt. „Die Sache ist für mich erledigt“, brummt Klamminger heute. „Das Verfahren ist abgeschlossen. Ich werde sicher nichts sagen, das den Anschein erwecken könnte, dass die Geschichte von damals mit den aktuellen Entwicklungen irgendetwas zu tun hat. Es könnten falsche Schlüsse gezogen werden.“

Für Interwetten.com-Geschäftsführer Wolfgang Fabian sind die unausreichenden Konsequenzen aus der Affäre um Schiedsrichter Robert Hoyzer der Grund, warum nun ein noch größerer Wettskandal ins Haus stehen könnte. „Wenn bei asiatischen Anbietern auch Menschen aus Europa anonym, ohne Limits und bei illegalen Anbietern auf Sportevents wetten können, haben Betrüger ein leichtes Spiel.“

Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet der Berliner Wettcafébesitzer Ante Sapina – einer der Drahtzieher im Fall Hoyzer – auch in der aktuellen Wettaffäre eine zentrale Rolle spielen soll. Manipulation und Betrug scheinen tief im Fußball verwurzelt zu sein.

Das Problem ist größer als die aktuell 200 verdächtigen Spiele. Die mit dem Wettskandal befasste Bochumer Staatsanwaltschaft spricht von der „Spitze des Eisbergs“. Der kanadische Autor Declan Hill – er promovierte über Fußball und organisiertes Verbrechen – hat in seinem Buch „The Fix“ (auf Deutsch: „Sichere Siege“) schon im vergangenen Jahr vor einem „Tsunami der Spielmanipulation durch asiatische Kriminelle“ in Europa gewarnt. Selbst die größten Fußballbewerbe der Welt sollen nicht vor verschobenen Partien sicher sein, gar vier Spiele der Fußball-WM in Deutschland 2006 nennt Hill als verdächtig. Das ist nicht bewiesen, Hill stützt sich auf Indizien, einen Manipulator, der ihm die Ergebnisse dieser Partien vorausgesagt hätte.

Das weist auf ein großes Problem hin: Woran erkennt man ein manipuliertes Spiel? Das ist kaum möglich, wenn es nicht jemand offen zugibt. Selten sind alle Spieler eingeweiht. Wenige Spieler in Schlüsselpositionen reichen – der Torwart vor allem, oder der Starstürmer. Der Goalie wird dann zum Beispiel bei einem Schuss schlecht stehen, der Torjäger vielleicht im Ballbesitz ein wenig zögern, damit die Verteidiger die Situation klären können, schreibt Hill.

Betrug kaum nachzuweisen

Deshalb verwundert es nicht, wenn die Spieler und Funktionäre von Rapid Wien meinen, sie hätten von Manipulationen in den vom Europäischen Fußballverband als dubios eingestuften Spielen gegen die albanische Mannschaft Vlaznia Schkodra nichts bemerkt. Rapid hatte die Qualifikationsspiele für die Europa League 5:0 und 3:0 gewonnen, aber gegen die Albaner waren die Wiener sowieso Favorit. So gehen die Manipulatoren laut Hill oft vor: Sie setzen auf Favoritensiege vor allem in Frühphasen angesehener Bewerbe wie der Europa League, in denen Mannschaften relativ bestechlich sind. Die Warnsysteme der Wettanbieter – sie schlagen Alarm, wenn Volumen von Wetten verdächtig hoch sind – erkennen in dem Fall kaum Unregelmäßigkeiten.

Die Empörung um den Wettskandal ist groß, doch bald sind die Geschichten vergessen. So wie Luciano Moggi, Ante Sapina oder Robert Hoyzer Figuren aus einer vergangenen Welt zu sein schienen. Der Zirkus geht weiter, wie immer, und finstere Gestalten werden versuchen, ihn zu manipulieren. Der nächste Tsunami kommt bestimmt.

"Falter" Nr. 49/09 vom 02.12.2009 Seite: 48
Ressort: Stadtleben


Literaturtipp:
Declan Hill: Sichere Siege. Fußball und organisiertes Verbrechen. Kiepenheuer und Witsch, 416 S., € 15,40

Mittwoch, 30. Januar 2013

Über die Ski-Weltmeisterschaft


Es ist also wieder einmal Ski-Weltmeisterschaft, und allerorts wird so getan, als sei das wichtig. Aber sprechen wir es aus, auch wenn die Kronen-Zeitung und das staatliche Fernsehen anderes behaupten: Eine Ski-Weltmeisterschaft ist so ziemlich das wertloseste Sport-Ereignis der Weltgeschichte.


Welchen Sinn hat es, alle zwei Jahre ein beliebiges Rennen auf einem beliebigen Berg mitten in der Saison zur „Weltmeisterschaft“ zu erklären? Der Weltcup findet den ganzen Winter über statt, die besten Skifahrer der Welt messen sich mehrmals wöchentlich im Wettkampf, und am Ende wird zusammengezählt, wer über das Jahr die konstanteste Leistung geboten hat. Wir haben schon eine echte Weltmeisterschaft: Sie nennt sich Weltcup. Und diese geht uns sowieso schon genug auf die Nerven. Wie oft pro Winter muss "How I Met Your Mother" dem Riesentorlauf der Damen aus einem verlassenen Alpendorf weichen? Und warum?

Irgendwann mitten in der Saison wird gesagt: Wer heute gewinnt, der ist Weltmeister. Das erinnert an Volksschulkinder, die Fußball spielen. Wenn die schlechtere Mannschaft müde wird und nachhause gehen will, weil sie die Niederlage deprimiert, haben die stärkeren Kinder ein verlockendes Angebot: „Das nächste Tor gewinnt.“ Also werfen sich alle noch einmal mit aller Kraft in die Schlacht, versuchen, trotz der ständigen Überlegenheit der Besseren ein entscheidendes Tor zu schießen, um doch noch als Sieger aus dem Spiel hervorzugehen, obwohl sie objektiv schlechter sind.

Nach genau diesem Muster läuft die Ski-Weltmeisterschaft ab. Anfang Februar hat der überwiegende Großteil der Weltcup-Teilnehmer keine Chance mehr auf eine gute Platzierung. Also wird mit der Weltmeisterschaft eine Möglichkeit geschaffen, die jeden und jede völlig zufällig an die Spitze der Ski-Welt spülen kann. Wer erinnert sich überhaupt noch an den kanadischen Abfahrts-„Weltmeister“ John Kucera, der in Val d’Isère 2009 gewann, obwohl er vorher noch nie in einem Weltcup-Rennen auf dem Podest gestanden war? Heißt das, dass Mister Kucera der beste Abfahrer seiner Zeit war? Natürlich nicht. Außerdem war sein Erfolg dadurch begünstigt, dass der Großteil der anderen Fahrer durch eine Nebelsuppe fahren musste, während er zufällig freie Sicht hatte. Trotzdem ist Kucera nun ein „Weltmeister“.

Aber was ist das wert? Und was ist der Weltmeistertitel von anderen One-Hit-Wonders wert? So nichtssagende Namen wie Mélanie Turgeon (Abfahrt St. Moritz 2003), Zali Steggall (Slalom Beaver Creek 1999) oder Urs Lehmann (Abfahrt Morioka 1993) zählen zu den Weltmeistern der vergangenen zwei Jahrzehnte. Zu Recht haben wir sie längst vergessen. Sie sind die Lou Begas und Las Ketchups der Ski-Welt.

Man könnte den Spieß aber auch umdrehen. Ein weiterer Vorschlag aus der Welt des Kindersports: Machen wir doch einfach alle Sieger zu Weltmeistern! Wenn jedes einzelne Skirennen zu einer eigenen Weltmeisterschaft erklärt wird, besteht für viel mehr Menschen die Möglichkeit, einmal Weltmeister zu werden. Irgendwann gewinnt jeder einmal ein Rennen, Zufallssieger gibt es nämlich nicht nur bei Weltmeisterschaften. So wird der Skizirkus zum ausufernden Schulsportfest, wo auch für das unbeweglichste und dickste Kinder ein Bewerb dabei ist, in dem es sich eine Medaille abholen kann. Gell, Patrick Ortlieb?

Nun kann eingewandt werden: Warum immer so negativ? Es haben doch alle Sportarten Weltmeisterschaften! Und natürlich lautet der Gegen-Einwand: Auch Weltmeisterschaften im Bobfahren, Langlaufen oder Skispringen sind völlig wertlos. Weltmeisterschaften in allen Sportarten, in denen die Besten der Welt sowieso wöchentlich gegeneinander antreten, dürfen getrost abgeschafft werden. Der Unterschied: Schwimmer und Leichtathleten bereiten sich getrennt voneinander in kleinen Rennen auf das entscheidende Treffen bei der Weltmeisterschaft vor, Fußball-, Handball- oder Eishockey-Mannschaften qualifizieren sich in einem aufwendigen Qualifikationsprozess für das große Turnier. Doch es wird schon einen Grund geben, warum zum Beispiel im Profi-Tennis keine Weltmeisterschaft ausgetragen wird. Weil sie keiner braucht, zum Beispiel.